Christel - Eine Weihnachtsgeschichte
Sie kauerte am Waldrand, geschützt vor dem beißenden Wind nur durch einen dürren Haselstrauch. Sie leckte eine Wunde sauber, die sie sich bei ihrer Flucht an einem Stacheldraht gerissen hatte. Die Eiskristalle zwischen ihren Pfotenballen brannten wie Feuer. Ihr Magen schmerzte vor Hunger, aber sie war längst zu schwach, um auf das Kaninchen Jagd zu machen, das vor ihr über das Schneefeld hoppelte.
Sie hatte Angst. Zu lange hatte sie angekettet leben müssen, zu oft war sie getreten und geschlagen worden. Aber sie wusste, die Nähe zu Menschen war ihre letzte Chance für ihre ungeborenen Welpen. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, musste ihre Suche nach Futter fortsetzen.
Im nahen Dorf ließ das Licht aus den Fenstern die Schneeflocken strahlen wie tanzende Sterne. Vorsichtig drückte sie sich an Hausmauern entlang. Eine Tür öffnete sich, lachende Menschen polterten auf die Straße. Eine verlockende Mischung aus allerlei Düften umwehte ihre Nase. Die Tür war nicht ganz ins Schloss gefallen.
Ganz ruhig lag sie in eine Ecke gedrückt unter einer Bank. Niemandem war aufgefallen, wie sie sich in die Gaststube geschlichen hatte. Beinahe hätte sie laut aufgejault, als ihr ein Mensch auf die Schwanzspitze getreten war. Immer wieder verließen Menschen den Raum, bis der letzte Mensch die Tür von innen verriegelte, noch ein wenig mit Gläsern und Tellern klirrte, das Licht löschte und schließlich in einem anderen Teil des Hauses verschwand.
Sie wartete noch eine Weile, bis sie sich sicher fühlte. Langsam kroch sie dann aus ihrem Versteck heraus. Ihre Nase führte sie durch den dunklen Raum, unter Tischen durch, an Sesselbeinen vorbei, bis zu einer weiteren Tür. Oft genug hatte sie beobachtet, wie Menschen Türen öffneten. Sie musste hoch springen, um die Klinke zu erreichen. Fast schon hätte sie aufgegeben, als die Tür plötzlich aufsprang. Und dann fühlte sie sich wie im Paradies. Von allen Ecken der Duft nach Braten, nach Würsten, nach Kuchen und Keksen.
Als sie einigermaßen satt war, überfiel sie wieder die Angst vor den Menschen. Sie hatte ihr Futter gestohlen. Aber der Fluchtweg war verschlossen, die Tür nach außen ließ sich nicht mehr öffnen. In einem Eck der Gaststube stand eine Tanne, geschmückt mit Girlanden, Sternen und Wachsfiguren. Sie kroch unter den Baum und legte sich an eine dunkle, glatte Wand, die viel Wärme ausstrahlte. Sie wollte wachsam bleiben, bei jedem Geräusch die Ohren spitzen. Aber sie merkte nicht einmal, wie mitten in der Nacht ein Mensch auftauchte und bunte Päckchen vor die Tanne legte.
Sie erwachte, als eine völlig unbekannte Spannung in Wellen über ihre Bauchdecke lief. Immer wieder zog sich ihr Leib zusammen. Sie wusste, ihre Zeit war gekommen. Wenig später war ihr erster Welpe geboren. Draußen zog die Dämmerung herauf, das erste Morgenlicht schien durch die Fenster herein.
Fünf süße kleine Welpen lagen an ihrer Brust und nuckelten zum ersten Mal in ihrem Leben Muttermilch, als sie plötzlich Lärm hörte. Zwei Menschenkinder stürmten in den Raum und kamen direkt auf die Tanne zu, unter der sie sich ihr Lager bereitet hatte. Sie blieben andächtig vor dem geschmückten Baum stehen und rätselten, was denn in den Päckchen sein könnte. Ein Menschenkind griff nach einem Päckchen – und entdeckte sie, wie sie da mit zurückgelegten Ohren, die Schnauze über ihren Welpen, ängstlich zitternd lag. „Das Christkind hat uns eine Hundefamilie gebracht,“ flüsterte das Menschenkind.
Mehrere Wochen waren seitdem vergangen. Immer noch konnte sie ihr Glück kaum fassen. Die Menschenfamilie hatte beschlossen, für ein Geschenk des Christkindes müsse man gut sorgen. Sie hatte einen neuen Platz bekommen, wo sie ihre Welpen ungestört von den Gästen in der Gaststube aufziehen konnte. Sie bekam so viel Futter, wie sie wollte. Sie wurde gestreichelt und gekrault. Und sie hatte sich an ihren eigenen Namen gewöhnt: Christel. Und jeder Gast, der sich über diesen Namen wunderte, hörte die Geschichte, wie einst das Christkind den Menschenkindern eine ganze Hundefamilie geschenkt hatte.
Erstveröffentlichung in „Unsere Hunde – 12/2002